Exploring what it means to be human, one story at a time.
Engel
Es war einmal in einem fernen Land, da bekam ein kleines Mädchen eine Engelsfigur geschenkt. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wer sie ihr gegeben hatte oder an welchem Heiligabend das gewesen war, aber seitdem betrachtete sie jedes Jahr den kleinen Engel und sprach einen Wunsch aus.
Die Jahre vergingen und das kleine Mädchen trat ein in die Welt der Erwachsenen: Sie heiratete, zog um, bekam Kinder, wurde Lehrerin, schuf sich ein Heim, feierte und weinte, pflegte langjährige Freundschaften und alterte.
Ihre Kinder wurden groß und begannen, ihr eigenes Leben zu führen. Sie besuchte ihre Uni-Abschlussfeiern und Hochzeiten und erlebte die Geburten ihrer Enkelkinder. Ihr Haar wurde grau und ihre Haut bekam Falten.
Wieder einmal stand Weihnachten vor der Tür, geschäftig und eiligen Schrittes, wie in jedem Jahr, mit einer Million kleiner, dringender Erledigungen. Die Enkelkinder hatten darum gebeten, den Baum bei Oma zu schmücken, und für diesen Anlass wurde eine sehr staubige Blechdose vom Dachboden geholt.
Als sie den Deckel hob, spiegelte sich das Licht des Baumes im alten Goldglanz wider, und ein Schatz nach dem anderen kam zum Vorschein, zur hellsten Freude der Enkelkinder.
Im Trubel des Erwachsenenlebens vergisst man das reine Glück und die Neugier der Kindheit, in der alle Dinge gleichzeitig wunderbar und möglich erscheinen.
Sie dachte, sie hätte die Schachtel bereits geleert und wollte sie gerade wegstellen, als ihre Hand den kleinen Engel berührte.
Erinnerungen an sich selbst als kleines Mädchen, das den Baum hinter dem Treppengeländer belauerte, überkamen sie augenblicklich. Immer hatte sie versucht, einen Blick auf den Weihnachtsmann zu erhaschen, wenn er im stillen Haus, das nach kandierten Früchten und Weihnachtsplätzchen duftete, die Gaben unter den Baum legte.
Das kleine Mädchen, das sie einmal gewesen war, lächelte breit und sprach einen Wunsch aus. Welcher Wunsch das war? Wie können Sie nur fragen! Jedes Kind weiß doch, dass Wünsche nicht in Erfüllung gehen, wenn man sie verrät! Ich kann nur so viel sagen: Wenn man älter wird, darf man sich für viel mehr Menschen etwas wünschen als nur für sich selbst.
Jedenfalls wünschte sie es sich von ganzem Herzen und schickte den Wunsch an jenen wunderbaren Ort, an dem alles möglich ist, während die Kinder geschäftig umherwuselten und die überaus wichtigen Aufgaben des Baumschmückens erledigten.
Überall fliegendes Lametta, Kichern, eine etwas gestresste Katze, die auf der Flucht kleine Nippsachen umstieß, winzige Lichter, die sanft im grünen Dickicht schimmerten, und leise fallender Schnee.
„Oma, gibt es den Weihnachtsmann wirklich?“
Oma hielt einen Moment inne, um über die Machbarkeit fliegender Schlitten, Rentierlandungen auf dem Dach, den Zugang durch Schornsteine und die weltweite Abdeckung in einer einzigen Nacht nachzudenken, und sagte dann mit Überzeugung:
„Aber natürlich gibt es ihn, mein Schätzchen! Was für ein Gedanke!“
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